Magazin
für
konzeptionelles
Gestalten

G etrieben von der Frage: Warum ein digitales Magazin?, wandern wir durch die Dunkelheit, irgendwo zwischen ... ... Nostalgie U nd Innovation. Institut
für
Buchgestaltung
Die Reise durch die Edition #14 bietet Ausblick in die Zukunft gestalterischer Praxis. Wir reflektieren die kreativen Prozesse und den innovativen Geist der letzten fünf Jahre mit einer sorgfältig kuratierten Auswahlherausragender Projekte. In diesem Querschnitt schaffen wir Raum für neue Dimensionen und erkunden die Schnittstellen M ultidisziplinärer Gestaltungslehre.

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Magazin
für
konzeptionelles
Gestalten

Getrieben von der Frage: Warum ein digitales Magazin?, wandern wir durch die Dunkelheit, irgendwo zwischen Nostalgie Und Innovation. Institut
für
Buchgestaltung
Die Reise durch die Edition #14 bietet Ausblick in die Zukunft gestalterischer Praxis. Wir reflektieren die Kreativen Prozesse und den innovativen Geist der letzten fünf Jahre mit einer sorgfältig kuratierten Auswahl herausragender Projekte. In diesem Querschnitt schaffen wir Raum für neue Dimensionen und erkunden die Schnittstellen multi- disziplinärer Gestaltungs- lehre.

Hintergrundtextur Hintergrundtextur Hintergrundtextur Hintergrundtextur
I: The Art of Dissecting Thoughts
1 2 3 4 5 6 7

0.0
Theory Of Everything

Patrick Pollmeier

Eine einzige, allumfassende Theorie, die sich aus der Symbiose bisheriger Erkenntnisse ergibt. Unwissend darüber, welche Form die Theorie von Allem haben wird, puzzelt die Menschheit weiter, darauf hoffend, mit der Weltformel unser Universum vom kleinsten bis größtem Bestandteil vollends entschlüsseln zu können.

0.1 LIGHTS ALL ASKEW IN THE HEAVENS

titelt die New York Times 1919 und katapultiert Albert Einstein damit auf den Olymp der theoretischen Physik. Einsteins Relativitätstheorie ist zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Jahre alt. Doch genau so lange musste sich der querdenkende Wissenschaftler gedulden, ehe sein Gedankenexperiment durch zwei Fotografien bestätigt wird. Was seine Theorie bedeutet, das weiß jedoch kaum jemand. Die Fotografie, die Einsteins Idee aus der Welt der Theorie in die Realität überführte, kann hier erneut helfen, ein Verständnis zu schaffen. Die Relativitätstheorie beschreibt die Welt anders, als wir sie erleben. Sie wirft einen völlig neuen Blick auf unsere Welt und bringt das klassische Gefüge der Physik durcheinander. Fällt bei Newton der Apfel noch auf geradem Weg vom Baum auf den Boden, so sieht er sich in Einsteins Welt der Krümmung des Raums und schwarzen Löchern ausgesetzt. Einsteins besondere Leistung liegt in seiner Bereitschaft, Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen, selbst wenn das bedeutet, sicher geglaubte Konstanten aufzulösen; und nicht in der mathematischen Ausarbeitung dieser Theorie.

0.2 CALCULEMUS

Der Schüler, der sich in der Deutschstunde noch mit dem Lehrer darüber streitet, in wie weit Goethes Gedichte romantisch seien, sieht sich im Matheunterricht anderen Vorzeichen ausgesetzt. Die Eindeutigkeit der Mathematik gibt ihm die Möglichkeit, formal zu argumentieren. Hirachien werden aufgelöst. Obwohl Uneinigkeit darüber herrscht, ob die Mathematik gefunden oder erfunden wurde, zählen wir das Rechnen mit Zahlen zu unseren bedeutendsten Errungenschaften. Die Mathematik als Sprache der Wissenschaften lässt uns kompelxe Verhältnisse mit wenigen Zeichen darstellen. Sie ist zugleich so einfach und konsequent, dass wir einem mit Halbleitern gefüllten Kasten beibringen können, sie zu benutzen, widerum aber auch so komplex, dass wir ohne technische Untersützung nur einen Bruchteil ihrer Kraft nutzen könnten. So lassen sich Vorraussagen treffen, denen wir so stark vertrauen, dass wir unser Leben nach ihnen ausrichten.

0.3 COMMON ANCESTOR

Der Blick auf die Evolutionstheorie fällt den Betrachtenden leicht, so finden sie sich am Ende thronend in der Baumkrone sitzend. Mit dem Blick nach unten, richten sie gleichzeitig den Blick in die Vergangenheit. Unter dem Baum haben sich die unterschiedlichen Spezies versammelt und geordnet in einer Reihe aufgestellt. Vorbei an Primaten und Kaltblütern schweift der Blick weiter Richtung Grund, der die Sicht auf die weiter zurückliegende Vergangenheit versperrt. Die bis hier hin leicht zu überblickende Verästelung kehrt sich hier um in ein wirres Netz aus Wurzeln, die man erst nach kurzem Graben mit den Händen finden kann. Die Suchenden vermuten hinter einer dieser Wurzelstränge den direkten Weg zum Ursprung und fokussieren ihren Blick auf die Verfolgung jenes Strangs – ohne den Blick zu erheben, um nach weiteren Bäumen Ausschau zu halten. Die Evolutionstheorie ersetzt mit Hilfe der Wissenschaft die zuvor religiös motivierte Antwort auf die Frage nach unserer Herkunft. Rückwärtsgewandt ordnet sie unsere Welt, um die Frage nach dem Wohin? mit der Frage nach dem Woher? zu beantworten.

Patrick Pollmeier: 0.0 Theory of Everything — M.A. Fotografie und Bildmedien — paddelproduction.de

Mikro Israel

Piping From the
Voids Behind

Ein Buch als Annäherung an den Autor H. P. Lovecraft, dessen popkulturelle Beliebtheit heute in defini-tivem Kontrast zu seinen kritischen Ansichten steht.

Zentraler Gegenstand dieses Projektes ist der annotierte Text oder viel mehr die Annotation, die sowohl neu definiert, als auch erweitert wurde. Ihre Anwendung reicht hierbei von der einfachen Aufzählung biografischer Daten bis hin zu eigenen editorialen Beiträgen, die grundlegende Aspekte um die Person Lovecraft thematisieren. Als Quellen dienten private Briefe, Fachliteratur und Bildmaterial einer vergangenen Zeit.

Das Buch versucht jedoch nicht Fragen zu beantworten, sondern bietet vielmehr die Gelegenheit zur Information – ein Einstieg für die eigene kritische Betrachtung eines komplexen Themas, das auch jenseits des Autors immer wieder in Erscheinung tritt – die Beziehung zwischen Werk und Autor.

Mirko Israel: Piping From the Voids Behind — M.A. Kommunikationsdesign — mirko.israel@live.de | mirkoisrael.art

Madlin Bentlage

Wie kann ein Transfer von Fotografie in Skulptur entstehen?

pli

Welches Material kann eine Fotografie haben? Wie verändert Material das Bild? Was geschieht mit einer Fotografie, wenn sie durch Material und Handlung zur Falte wird? Entstanden ist eine Rauminstallation, bestehend aus verschiedenen transparenten Objekten, die über ihre Materialität Licht direkt oder indirekt sichtbar werden lässt.

Die unmittelbare Auseinandersetzung mit konkreten Dingen, Oberfläche und Beschaffenheit sollte als Möglichkeit einer Kommunikation und als ein Mittel für das Verständnis von Raum empfunden werden. Die meisten Objekte finden ihren Ursprung in der Fotografie, ausgehend von dem Trägermaterial entwickeln sich Ideen über das Experiment, für Installation und Buch.

Madlin Bentlage: pli — B.A. Fotografie und Bildmedien — madlin.bentlage@gmail.com
Fotograf:in: Paul Düstersiek — Editorial Design: Hannah Bergmann

I use a frame

Katrin Ribbe

like I would fell a tree

Diese Mehr-Kanal-Filminstallation thematisiert das Familienporträt als vermeintlich neutrales Geschichts­dokument und Erinnerungsobjekt.

Libretto

parade/lament

Katrin Ribbe
2022

my grandfather
died in December 2K
aged 87 years.

his death
seemed unremarkable
and happened without much attention.
a farmer’s path
even-planned field
exams deemed irrelevant.

strong arms
giant hands
great play to fight his paw
tickling
pinching
laughter
despair!

his sonorous voice
a melody of
his rural Brandenburg home.

my grandfather was no smart man.
when conversation moved
into the realms of complex thought
he used to start drifting off.

libretto

my grandmother
died in two thousand and six
(93 years of age).

tiny woman
of sturdy built
rapid pace
steady routine.

at dusk in her armchair
her hands form a nest
bolt upright still
evencalm.

a farmer’s wife
with no land to work
beyond working class
she knew

at rare social nights
her necklace’s pearls (uneasily)
escaping her feverish clutch

my grandfather’s arm
both refuge and leash
she monitors
ready to jump:
just keep it quiet, my dear!

parade/lament

my father
is seventy-six years old.
his height is 5”6.

effortless handstand,
his granddaughters’ marvel …

his shoulders are proof
of his strong gymnast’s past
soon a little hunched over –
evidently

the gout has stopped his light-footed ways
each step gauged carefully now.

these days the keys to my mother’s car
are in my father’s hands.

A2 back and forth
a lost-blowing leaf
just like a pendulum.

once paused
he’s smoking
facing the flowers
his back is turned towards
the house.

libretto

my father’s brother
the older one
maybe by two years.

his gymnast’s torso is modest
and it spares the hunch.

on the brink of the German Nationals
in fifty-nine
his elbow collapsed –
and he quit.

no trace of an accent or dialect,
he asks unobtrusively:
would you like to join for a glass of beer?
he pours and leans back with a sigh.

parade/lament

the house in dorfstrasse
typical nineteenth century farmer’s home.
grey-brown plaster
for sturdy red brick
B167 right outside.

viewed from above,
its long straight lines
run parallel to the road.
seven stony steps
lead to the front door.
behind double-winged windows
in white wooden frames:
the salons for special occasions.

the farmer’s yard:
stables, barn, sheds and cottages.
the dung heap:
king of the yard.

libretto

light
glares brightly
rain rarely halts
land without hills
calm continuity.

how the air dries quickly!
hot summer months
governing sun, unforgiving.

tender wind shovels the clouds
wistfully pushing them
eastwards.

The elderly lime trees
fracture the light
a scattered, undisturbed play.

parade/lament

on special occasions
a family portrait’d be taken.

my grandfather was no smart man.
when conversation moved
into the realms of complex thought
he used to start drifting off.

endless procedure
on Tuesday nights:
the national lottery.
9, 18, 24, 27, 36
and 39 …
continuous crack.

libretto

a group in the background
inherited sin
different ages
muted colours
stoic
in two or three rows.
are they dispersed in foggy dust?
or are they watching the scene
on the tableau at all?

Sieh mal eine:r an!
Auf diese Seiten hier kann man draufklicken, um sie zu blättern.

Prima, das hast du gecheckt – dann düse ich ab!

Formal wie inhaltlich sucht Katrin nach der Möglichkeit, die Zweidimensionalität und Hermetik der Fotografie aufzu­brechen und eine neue Geschichtsschreibung anzunehmen.

In dem Film parade reist Katrin exemplarisch in das fotografische Archiv der eigenen Familie und legt dabei Praxis und Prozess der Fotografie offen: In einem gefilmten Reenactment der alten Bilder warten die Darsteller:innen darauf, von Katrin als tableau positioniert zu werden. Die sich wiederholenden und vorgezeichneten Motive zerfallen im Moment ihrer Entstehung.

Katrin Ribbe: I use a frame like I would fell a tree — M.A. Fotografie und Bildmedien — katrinribbe.com
›Parade‹: Idee / Libretto / Musik / Kamera / Art-Direktion / Schnitt / Ton: Katrin Ribbe
Performer:innen (in order of appearance): Bärbel Jogschies, Anna-Katharina Müller,
Christoph Müller, Mathias Max Herrmann, Katrin Ribbe, Rebecca Braund,
Swantje Möller, Antonie Eleonore Hölzel, Philippa-Ashton-Ribbe, Felix Augustin,
Vainius Soudeika – Bauten: Markus Fricke, Katrin Ribbe

Chance/s

Sandra Eden

Zufälle betreffen jeden Menschen –
sofern man an Zufall glaubt –

Diese Tatsache weckte mein Interesse für dieses Thema. Um zu definieren, was Zufall überhaupt ist, erscheint es zunächst wichtig zu betrachten, wie Zufall wahrgenommen wird. Im alltäglichen Sinne wird hier oft von Glück, Pech oder auch Schicksal gesprochen. Zufall herrscht immer dann, wenn durch nicht messbare einwirkende Kräfte unvorher­sehbare Ergebnisse entstehen.

Viele Künstlerinnen und Künstler haben sich in ihrer Arbeit mit dem Zufall beschäftigt. Eines haben die sehr verschiedenen Arbeiten gemein: Um mit dem Zufall arbeiten zu können, muss zunächst ein klarer Ausgangspunkt geschaffen werden, von dem ausgehend ein Verfahren mit nicht vorhersehbarem Ergebnis zu verschiedenen zufälligen Resultaten führen kann. Hierbei ist für mich besonders spannend, auf welche unterschiedlichen Weisen Zufall ein Teil von künstlerischer Gestaltung werden kann. Durch Zufall – Chance – entstehen Möglichkeiten – Chances.

Sandra Eden: chance/s — M.A. Mode — sandra.gerda.eden@gmail.com
Fotografin: Ronja Tomke Otto — Model: Anna Klemme, Fiona Gohrke

Schon gesehen? Hier gibt’s einen Button, mit dem du den Ton einschalten kannst!

Super, du hast den Button gefunden – dann bin ich mal weg!

Ordentliches Chaos

Kati Lübeck

Das Verhältnis von Chaos und Ordnung beschreibt den Prozess zwischen zwei Extremen, in dem man sich fortwährend bewegt.

Zur Verdeutlichung des Prozesses eignet sich Motion Design im Besonderen: Animation funktioniert nicht als Standbild, sondern nur in Bewegung. Genauso verhält es sich auch bei Chaos und Ordnung: Sie befinden sich in ständiger Wechselwirkung. Die Videoinstallation Ordentliches Chaos besteht aus einzelnen Animationen, die diese Wechselwirkung visualisieren. Die Clips sind minimalistisch gestaltet: Sie sind schwarz-weiß und enthalten nur abstrakte Formen wie Punkte, Linien und Flächen. Die Bewegungsabläufe wurden mit Zufallsparametern und -funktionen generativ erstellt. Die Projektionsfläche der Installation ist in Stücke unterteilt, die dreidimensional im Raum angeordnet sind. Je nachdem, wo sich die Betrachtenden in den Raum stellen, nehmen sie die Installation chaotisch oder ordentlich wahr und werden damit Teil der Installation.

Kati Lübeck: Ordentliches Chaos — B.A. Digital Media and Experiment — kalu.link | info@kalu.link
Videodreh: Leon Schäfer
II: How AI makes us Human — Claudia Rohrmoser

How
AI makes us
Human

Nina Michler und Samuel Wiebe
im Gespräch mit Prof. Claudia Rohrmoser

Claudia, warum passt es gerade zum aktuellen Zeitpunkt, ein digitales Magazin zu veröffentlichen?

Digital ist kein Phänomen, das gerade aufgekommen ist. Was gerade passiert ist die generative KI, die sich seit circa einem Jahr breit gemacht hat. Darauf sollte man sicher reagieren. Jetzt ein digitales Magazin zu machen, passt schon zum Zeitgeist, wenn man sagt: Wir schauen uns mal genauer an, wie Medien funktionieren, wie ein Magazin digital funktionieren kann, welchen Wandel wir selbst gerade durchlaufen, wie wir uns verändern – weil sich in der Medienlandschaft eben auch massiv etwas geändert hat. Damit meine ich nicht nur Analog gegen Digital, sondern eher ein vor KI und nach KI. Dieser Zeitenwandel, der gerade passiert, ist schon sehr interessant für uns als Gestalter:innen.

Welche Rolle spielt DMX dabei?
Wie würdest du DMX definieren?

Wir funktionieren im Compound. In Kombination mit den anderen drei Studienrichtungen kann man uns als Institution der Vernetzung verstehen. Ich sehe uns nicht als vierte Säule, sondern eher als eine Möglichkeit, mit den drei vorhandenen Richtungen Gemeinsamkeiten zu finden und interdisziplinäre Vernetzung zu schaffen. Wir haben viele Schnittmengen mit allen drei Studiengängen, was erstmal nicht so anmuten würde, aber wir finden zum Beispiel mit der Mode ganz viele Gemeinsamkeiten und Kooperationsmöglichkeiten. Das heißt, wir erfinden einen neuen Spirit der Kommunikation hier am Fachbereich.

Gleichzeitig füllen wir auch eine Lücke, wenn es um Mediengestaltung geht. Wir beschäftigen uns mit Bild und Ton, mit der Erweiterung der Medien um Sound, Raum bis hin zu immersiven Medien oder sinneserweiternder Gestaltung. Ich würde es herunterbrechen auf Mediengestaltung in und für physische und digitale Räume. Das kann Vieles heißen, aber wichtig ist der Raum und die Mediengestaltung als Komponente. Das Digitale ist gar nicht so wesentlich bei DMX.

Was könnten Herausforderungen sein, wenn man ein Magazin in den digitalen Raum bringt?

Ich glaube, das Lesen. Wenn ich an Magazine denke, denke ich an Bild und Text. In der Erweiterung der bildlichen Ebene liegt Potenzial. Man kann auch Sprache, damit meine ich gesprochenes Wort, mit einbringen, verliert dabei aber eventuell die Tiefe im geschriebenen Text. Man muss sich erst über das digitale Lesen Gedanken machen. Wenn man ein Magazin eins zu eins auf eine digitale Plattform überträgt, würde ich beim Text genauer hinschauen:

Wie gehen wir
mit Text um?
Wie gehen wir mit Text um? Wie gehen wir mit Text um? Wie gehen wir mit Text um?
Wird er an das digitale Medium angepasst oder bleibt die Textform gleich? Oder gehe ich transmedial an die Sache heran und sage, bestimmte Anteile sind sprachlich, andere sind mit Sounddesign und Text oder Text und Bild werden anders miteinander verknüpft, als es im statischen Medium möglich ist. Über die Möglichkeiten der Erweiterung sollte man nachdenken.

Wie gehen wir mit Text um?

Was sind aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen, die sich durch Digitalität ergeben?

Eine ganz kurze Antwort: Digital Divide. Digitalität bedeutet, dass man alle mitnehmen muss. Eine gelungene Digitalität in der Gesellschaft ist eine, an der alle teilhaben können. Und wenn es da einen Divide gibt, also ein Auseinanderdriften der Leute, die Zugang dazu haben, und derer, die keinen haben, hat man ein Problem. Und das ist, glaube ich, größer als man gemeinhin denkt. Es ist nicht ohne Weiteres so, dass eine ganze Generation digital ist.

Ich würde da eher einen Unterschied sehen zwischen Konsument, kriti­schem Konsument und Produzent. Kann ich mit digitalen Medien umgehen? Kann ich damit auch etwas anderes als nur digitale Produkte konsumieren? Kann ich sie dekodieren? Habe ich die Medienkompetenz, um herauszufinden, womit ich es zu tun habe? Kann ich Fakes erkennen oder die Seriosität von Informationen dekodieren? Das alles gehört zu digitaler Kompetenz – und wir können nicht einfach davon ausgehen, dass diese überall verbreitet ist.

Anschließend dazu:
Wie würdest du sagen, verändert Digitalität unsere aktuelle Lebenswelt, unsere Lebensrealität?

Schon lange Zeit massiv. Da ist auch kein neues Phänomen. Eher würde ich da wieder auf KI als digitales Phänomen oder als Konsequenz der Digitalisierung schauen und dessen Konsequenzen fokussieren, weil diese jetzt auch für Gestalter bemerkbare Auswirkungen haben. Hier gilt auch die Faust­regel: Je weniger das Wissen, desto größer die Ängste. Das war schon bei der Digitalisierung so, bei den digitalen Umstellungen und Transforma­tionen, die überall notwendig sind. Je weniger man sich damit ernsthaft befasst, je größer die Blackbox, desto größer ist die Angst – wie auch die irrationale Angst, dass man als Mensch komplett ersetzt wird.

Das Aufkommen der generativen KI wirft uns auf unsere Menschlichkeit zurück Wir erinnern uns an unsere Qualitäten, was diese für die Gestalterpersön­lichkeit bedeuten und wie wir Kommunikation von Mensch zu Mensch gestalten wollen und da liegen die Stärken dieser Transformation. Wir sollten uns nicht so sehr darauf fokussieren, dass etwas Handwerkliches von einer Maschine übernommen wird, weil die das besser kann – digitale Kompetenzen, wie super gut in Photoshop sein, ist heute vielleicht nicht mehr so wichtig. Es geht wieder viel stärker darum, wie geschärft unsere Wahrnehmung ist. Wie gebildet sind wir als Gestalter*innen? Und ich glaube, dass man wieder mehr unterscheiden wird, wie lange jemand sich mit etwas beschäftigt hat, dass Gestalterausbildung dauert und dass man reifen muss und Zeit braucht, um gute Gestaltung zu machen.

In welchen Bereichen, die aktuell noch analog sind, erwartest du mehr Digitalität? Hast du irgendwelche Zukunftsutopien oder Dystopien?

Ich kann nur eher allgemein sagen: Wenn ein Medium durch ein neues abgelöst wird, schärfen sich die Zwecke des alten Mediums. Das Medium wird dadurch auch von seiner Last befreit. Wenn man bei einer Zeitung zum Beispiel über die Funktion, tagesaktuelle Nach­richten zu übermitteln, nachdenkt, wird klar, das Internet das deutlich besser kann.

Was bleibt der Papierzeitung? Was kann sie total gut? Sie kann Inhalte in physische Kontexte bringen. Ich kann gemütlich im Kaffeehaus sitzen und diese Zeitung lesen, sie auch erspüren und mich viel besser vertiefen. Die Tageszeitung wird vielleicht nur noch eine Wochenzeitung sein oder eben ein Magazin. Diese Medien­form eignet sich gut, um Themen zu vertiefen. Das schnelle heraus­schießen von Nachrichten ist natürlich eine Sache des digitalen Mediums. Und es ist in vielen Dingen so, dass diese Befreiung durchaus positiv gesehen werden kann. Natürlich kann ich damit nicht im großen Stil Geld verdienen. Das Ökonomische wird immer ein Problem sein bei dieser Medienablösung und Medientransformation. Es geht immer um Ökonomie und das ist auch, was uns an den digitalen Techniken und Medien am meisten bedroht – dass sie menschliche Arbeit obsolet machen, dass sie bis dahin notwendig gewesene Skills entwerten und dass es sich wirt­schaftlich einfach nicht mehr rechnet, gewisse Dinge aufrechtzuerhalten.

Hast du noch weitere Gedanken, die du in Bezug auf Digitalität wichtig findest?

In Bezug auf ein digitales Magazin habe ich über die Frage nach der Reichweite nachgedacht. Hat man dadurch gerade einen Vorteil? Also vielleicht als Frage an euch: Habt ihr einen Vorteil durch dieses digitale Format, indem ihr eine andere Reichweite oder eine Art von Niederschwelligkeit erzeugen könnt? Oder ist es das Gegenteil? Ich frage mich bei Medien immer: Wen erreiche ich wie? Welche gesellschaftlichen Gruppen, welche sozialen Gruppen und welche Altersgruppen? Wenn man bedenkt, dass Jugendliche sich über TikTok informieren – statt zu googeln, tiktoken sie ihre Informationen – wissen wir, dass die Informations­vermittlung über Bewegtbild und Video stattfindet, über Sprache eben, nicht mehr über geschrie­benen Text.

Wie positioniert ihr euch mit dem digitalen Magazin in dieser Gemenge­lage? Fügt ihr Videos ein, um darauf einzugehen? Oder habt ihr Teaser, um Leuten ein Portal zu bieten und zu sagen: Wir machen hier TikTok-mäßig ein super beschleunigtes Sum-Up, so eine Art Blinkist-Zusammenfassung unseres Magazins und dann kann man tiefer hineingehen. Diese Stufen der Informationsvermittlung und Informationstiefe interessieren mich an dem Medium. Würde ich diesen Prozess begleiten, würde ich folgende Frage in den Raum stellen: Wie kann man die Möglichkeiten eines digitalen Magazins sinnvoll nutzen?

Interview: Nina Michler, Samuel Wiebe

Seit Anfang März ist Claudia Rohrmoser als Professorin für das Lehrgebiet Motion Design am Fachbereich Gestaltung tätig und leitet gemeinsam mit Prof. Florian Kühnle die neue Studien­richtung Digital Media and Experiment. Claudia Rohrmoser studierte MultiMedia-Art/Diplom Computeranimation an der FH Salzburg sowie Experimentelle Mediengestaltung mit den Schwerpunkten Medienkunst und Narrativer Film an der Universität der Künste Berlin.

III: Our Innermost Beeing
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Fashioned by the Sea

Luisa Summe

Inspiriert von der Vielfalt an Formen, Farben und Strukturen unserer Meere und ihrer Bewohner, reflektiert die Kollektion die bedrohliche Realität der Umweltauswirkungen durch die Modeindustrie. Der hohe Wasserverbrauch, Chemikalien in der Produktion und Mikroplastik belasten die Meere. Um den öko­logischen Fußabdruck zu minimieren, wurden Second-Hand-Teile integriert und Restbestände aus der Bekleidungsindustrie verwendet. Diese Arbeit ruft dazu auf, bewusste und nachhaltige Entscheidungen in dieser faszinierenden Welt zu treffen.

»Ich beobachte, wie sich die Algen gleichmäßig mit den Wellen bewegen.
Es ist so still, so beruhigend.
Ganz leise schwimmen Fische an mir
vorbei. Beeindruckend schimmern ihre Schuppen im Sonnenlicht.«

Luisa Summe: Fashioned by the Sea — B.A. Mode — luisasumme@gmail.com
Fotograf: Jonas Glanz — Models: Alina Siepe, Noera Roberg, Finn Lucas,
Constantin Lefeld — Haar und Maske: Alexander Dallam, Luca Brücher

While I was waiting

Julia Autz

Seit 30 Jahren regiert Alexander Lukaschenka in Belarus.

Es ist eine Generation herangewachsen, die ihre Heimat nicht ohne den autoritären Präsidenten kennt. Was bedeutet es, unter diesen Umständen aufzuwachsen? Durch die andauernden Repressionen gibt es immer weniger Menschen, die rebellieren und Widerstand leisten. Passiv, desillusioniert und ratlos müssen sie sich mit den Regeln des Regimes arrangieren.

In meiner Arbeit zeige ich junge Menschen, die nach Individualität streben, welche in Belarus nicht gerade erwünscht ist. Menschen, die aufgrund ihrer politischen Haltung, sexuellen Orientierung oder auch einfach nur wegen einer anderen Denk- und Lebensweise diskriminiert werden. Selbstverwirklichung kann offensichtlich nur noch in privatem Raum stattfinden.

Im öffentlichen Raum dagegen sind die Menschen gezwungen sich anzupassen. Zurückgezogen in den eigenen vier Wänden, konzentrieren sie sich auf das eigene Leben und versuchen die Freiheit im Inneren zu konservieren. Anhand intimer Portraits der Menschen zeige ich, wie es sich anfühlt, unter diesen Umständen zu leben.

Die Bilder für die Serie „While I was waiting“ sind in der Zeit vor den Protesten entstanden und zeigen die Lebenssituation der Menschen: ein hoffnungsvolles Warten auf Veränderung.

Na, entdeckt? Klick mal drauf, dann blättert’s!

Alles klar, du hast’s drauf – ich bin dann weg!

Julia Autz: While I was waiting — M.A. Fotografie und Bildmedien — juliaautz.com

Digitale
Selbstbestimmung

Sihyun Woo

In einer Welt, in der Gesichtserken­nungstechnologien allgegenwärtig sind und unsere Online-Präsenz ständig überwacht wird, bieten diese Techno­logien zwar Vorteile, gefährden je­doch unsere Privatsphäre durch die kontinuierliche Datensammlung großer digitaler Unternehmen.

Wir verlieren zunehmend unsere Anonymität und Kontrolle über unsere persönlichen Daten. In einer dystopischen digitalen Welt, in der die Grenzen zwischen Realität und Simulation verschwimmen, ist es wichtig, unsere digitale Autonomie zu bewahren und uns vor uner-wünschter Überwachung und Datenmissbrauch zu schützen. Wie können wir in einer Welt, in der Überwachung allgegenwärtig ist, die Kontrolle über unsere eigenen Daten behalten?

Diese Arbeit setzt sich hypothetisch mit den ethischen und gesell­schaftlichen Aspekten von Gesichtserkennungstechnologien auseinander und untersucht, wie Design genutzt werden kann, um die individuelle Privatsphäre und Identität zu schützen. Dabei wird die Bedeutung der digitalen Selbstbestimmung betont. Diese Selbst­bestimmung ermöglicht es uns, aktiv zu entscheiden, welche Informationen wir preisgeben und wie wir uns online präsentieren.

Sihyun Woo: Digitale Selbstbestimmung — B.A. Kommunikationsdesign — sihyunwoo.de
Fotograf: Carl Niklas — Models: Jana Scholz, Sihyun Woo — Zine-Mockup: Alexandre Lallemand
Foto von Kaique Rocha via PexelsPhotoshop Plugin: von bangingjoints via Creative Market

Hide and Seek

Ronja Hempel

Schau mal!
Du kannst auf diese Seiten klicken, um sie umzublättern.

Super, du hast es verstanden – dann bin ich mal weg!

Jeder Mensch trägt ein Geheimnis in sich.

In unserer von Wissbegierde geprägten Gesell­schaft scheint alles offenbart zu werden. Wer ein Geheimnis für sich bewahren möchte, der muss es vor den öffentlichen Blicken schützen. Denn wenn man sein Geheimnis einmal der Öffentlichkeit preisgibt, dann kann es nicht mehr privatisiert werden.

In der Kollektion setze ich mich thema­tisch mit dem Versteckspiel und Geheimnissen auseinander. Ein Kleidungsstück kann schüt­zen, etwas verstecken, aber auch die Neugier auf etwas Geheimnisvolles wecken.

Ronja Hempel: Hide and Seek — B.A. Mode — hemfield.com
Fotograf: Luis Emil Dietrich — Models: Marie Schmitt, Joshua von Pruski — Hair and Make Up: Anja Schweihoff

“I long for the sound of the sea
that lulled me to sleep as a child.

I long to gaze at the horizon for hours
and spit cherry stones
into tall, dry grass.

Sometimes, as I walk down the street,
I get swallowed up by the breeze of a passing scent and spat into my childhood.

I would like to spit myself into that
period right now and find refuge
in my grandmother’s kitchen,
escaping the glaring sun.

I wear my mother’s earrings and on
my fingers, her mother’s rings.

In my heart, the murmur.
Where does it carry me?”

Alina Lutz

The Darkest Hour

The Darkest Hour is a multi-sensory experience consisting of a 3-channel audiovisual installation and a spatial inter­vention. At the center of the room installation is an acces­sible wooden shelter with vintage TVs inside, creating a contrast to the cold blue atmosphere of a large video projection outside the construction.

For this work, Alina Lutz traveled to the Black Sea coast in Bulgaria and documented artifacts in the form of videos, field recordings, and drawings. Due to political reasons, Crimea is currently inaccessible from Europe; therefore, the perspective of the work is one of distance and longing for something out of reach. It explores the quality of memories and impermanence.

Alina Lutz: The Darkest Hour — B.A. Kommunikationsdesign — alinalutz@protonmail.com
Fotografen: Leon Haas, Jonas Glanz, Anton Lutz — Video (Dokumentation): Anton Lutz
IV: Ultrafett
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Ultrafett

Typografie Festival 2021

Die digitale Typografie-Konferenz Ultrafett feiert die Vielfalt von und den Spaß an Schrift.

Acht international renommierte Sprecher*innen zeigen aktuelle Trends, neue gestalterische Denkansätze und – vor allem – unterschiedliche typografische Positionen:

Das Gestaltungskonzept folgt der Idee einer Reise durch die Welt der Schrift.

Es stellt die Referent:innen ins Zentrum und bildet das Spektrum/die Bandbreite von Typografie somit nicht nur inhaltlich, sondern gleichermaßen visuell ab (Lettering bis Creative Coding).

Basierend auf der Arbeit bzw. Arbeitsweise der Vortragenden entstanden acht verschiedene (einzig-, aber gleichartige) typo­grafische Key-Visuals, die eine Zeichenhaftigkeit auf drei Ebenen – in 2D, 3D und in der Schrift selbst – beinhalten.

In Bezug zu Schriftgeschichte und Eindrücken der Sprecher*innen wurden die Außenformen und Füllungen gestaltet (2D, handgezeichnet und vektorisiert).

V: What We Can Learn
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It is worth noting that some personality traits are more desirable than others, and there is a risk that people with more desirable person-alities could be targeted or discriminated against if their traits became more scarce. This could lead to societal divisions and potentially even conflict. – ChatGPT

Hi I’m Jared

Pauline Zoe Tillmann
Hanno Hlacer

Hi I’m Jared kombiniert KI-generierte Körper, an Deepfake angelehnte Gesichter des Ausstellungspublikums und von ChatGPT generierte Texte. Die Videoprojektion zeigt trans­humanistische Entitäten, die Fragen zu menschlicher Identität und Bedeutung in einer technologisch fortgeschrit­tenen Gesellschaft aufwerfen.

Das menschliche Identitätsverständnis und der Wert, den wir uns als Menschen damit zuschreiben, wird dabei ironisiert und hinterfragt. Die Installation spielt mit dem Kontrast von menschlicher Selbstüberhöhung und dem Streben nach Identitätsfindung in einer Welt, in der künstliche Intelligenz die Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit des Menschen in Frage stellt.

Hanno Hlacer / Pauline Zoe Tillmann: Hi I’m Jared
Seminarprojekt Digital Media and Experiment / Fotografie und Bildmedien
SchauspielerInnen: Hanno Hlacer, Jule Ehlenz, Ben Werneke
AutorInnen: Hanno Hlacer, Pauline Zoe Tillmann, ChatGPT

lichen

Sonja Mense

Das Material dieser künstlerischen Forschungsarbeit umfasst Klang-, Foto- und Videomaterial sowie digitale Scans von Flechten, um ihr transformatives Verhalten in Bezug auf Form und Zeit zu entschlüsseln. Sind dort weitere Schichten und Prozesse, die sich in einem Maßstab bewegen die für unsere Augen nicht sichtbar sind; die in Zeitskalen ablaufen, die unsere Sinne nicht erfassen können? Ausgehend von der Faszination der Andersartigkeit liegt die Konzentration dieser Arbeit in der Kunst des Wahrnehmens um die unge­ahnten Realitäten dieser Organismen zu erfassen. Entstanden ist eine immersive, audiovisuelle und bewegungs­sensorische Installation als Erfahrung von Natur, Raum und Zeit.

Um die Welt zu erkennen, ist es wichtig, zunächst die Intensität, Perspektive und Form zu wählen, aus der man sie betrachten will. Flechten schaffen Welten, in denen sich ein Organismus zu einem Ökosystem entfaltet und ein Ökosystem einen Organismus speist. Denn sie wechseln zwischen ihrem Selbst, dem Ganzen und der Ansammlung ihrer Teile hin und her. Wo beginnt ein Organismus und wo endet er?

Auf Forschungsreisen ins Feld, d.h. in die finnischen Wälder, wurden zunächst Flechten über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach besucht, erkundet, gezeichnet, vermessen, bestimmt und kartografiert. Während des intensiven Prozesses meiner Annäherung an den Organismus der Flechte als solchen und zu ihrer zeitlichen und räumlichen Verortung entstanden zu untersuchendes Makrofoto- und Videomaterial sowie hoch­auflösende 3D-Fotogrammetrie-Scans diverser Flechtenarten. Das bewegende Bildmaterial wurde um ein Vielfaches ver­langsamt und über den Schnitt in ein sich wiederholendes Video verarbeitet, das vollformatig in den Ausstellungsraum projiziert wurde. Dabei entstand ein umgreifendes Portal im realen Raum, durch das man sich als Teil des Ökosystems Flechte selbst wiederfinden konnte.

Aus einer einzigen Aufnahme speiste sich eine quadrofonische Klanginstallation, die sich mit Umweltgeräuschen des Aus­stellungsortes vermischte. In ihrem Zentrum befand sich, auf einem beleuchteten Sockel positioniert, eine reale Trichter­flechte. Durch die Annäherung der sich in der Installation bewegenden Menschen veränderte sich die Klangspur in ein undefiniertes Rauschen. Je geringer die Distanz zur Flechte, desto intensiver wurde die hörbare Veränderung. Die Be­wegungssensorik deutete auf eine Interaktion zwischen Mensch und Flechte und eröffnete die Frage nach den Kommuni­kations- und Beziehungsmöglichkeiten zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Organismen.

Sonja Mense: Lichen — M.A. Kommunikationsdesign — sonjamense.de
Fotograf: Patrick Pollmeier

the more of less

Karina
Reich

Wie muss Kleidung gestaltet sein, sodass der Träger das Kleidungsstück individuell modifizieren kann?

Wie viel Kleidung brauchen wir wirklich? Wie können wir sie reduzieren und variabler gestalten, um weniger zu be­sitzen, jedoch mehr Möglichkeiten des Tragens zu schaffen? In meiner Arbeit werden verschiedene Zustände durch Erweiterung und Reduktion geschaffen. Dabei verbinde ich den Aspekt der Form mit der Möglichkeit, durch funktionale Elemente ein Kleidungsstück individuell modifizieren zu können.

Karina Reich: the more of less — M.A. Mode — karina-reich.de
Fotograf:innen: Dana Hütz, León Aicher, Amin Khelaifat

Sarah Fyrguth

Gestaltung

Ein Buch, angefüllt mit Fragen, vermeintlichen Antworten und einigen Erkenntnissen über die ge­stalterische Erkenntnis selbst.

als
Prozess

Dieses Buch ist und thematisiert Prozess. Es gibt eine Antwort auf seine eigene Entstehungsweise. Gestaltung als Prozess ist eine ebenso visuelle wie sprachliche Auseinandersetzung mit Designprozessen. Auf verschiedenen Bild- und Textebenen, mit Skizzen, Beobachtungen und Fundstücken geht das Buch den Problemen des gestalterischen Prozesses auf den Grund. Zwischen explizitem und implizitem Wissen, endlosen Gedankenströmen und übereilten Improvisationen vollzieht sich eine Suche nach möglichen Lösungsansätzen. Mit zwei vernetzten Teilen und einer Struktur, die von Außen sichtbar wird, mit einem typografischen System, das Quellen offenlegt und leuchtenden post-it-ähnlichen Farben ist dieses Buch eine Betrachtung des Gestaltungsprozesses im Allgemeinen sowie des Prozesses, dieses Buch zu gestalten, im Besonderen.

Sarah Fyrguth: Gestaltung als Prozess — M.A. Kommunikationsdesign — sarah@fyrguth.de
Fotografie, Videografie: Nils Pisarsky

Wo ist Welt und wo ist Sein?

Der Blick in den Himmel scheint ein fundamentaler Bestandteil des menschlichen Bewusstseins zu sein, ebenso wie die Frage nach seiner Beziehung zu jenem weiten Raum.

Über den Menschen

Eine kosmische Anthologie

Roman Girsikorn

Hier beginnen die zentralen Themen der Arbeit: Der Mensch, sein Körper und sein Platz im Kosmos. Die Natur ist die Natur. Sie hinterfragt sich nicht — der Mensch jedoch andau­ernd. Er stellt sich fortwährend in Bezug und sucht nach dem Göttlichen. Doch wo endet das Göttliche und wo beginnt das Menschliche? Womöglich ist beides das Selbe und ändert sich nur durch den Bezug zur Natur.

Der universelle, nackte, mythologisch aufgeladene menschliche Körper diente hier als Werkzeug. In fast opera­tiven Vorgängen, wurde der Corpus humanum mit präzisen Schnitten scharfer Skalpelle und Scheren zerteilt, ihm Organe und Eingeweide entnommen, Knochen und Gelenke heraus­geschnitten, gehäutet und anschließend neu zusammengefügt und geklebt. Entstanden sind analoge Collagen und Texte.

Roman Girsikorn: Über den Menschen. Eine kosmische Anthologie — M.A. Kommunikationsdesign — romangirsikorn@gmail.com
Fotograf:in: Jonas Hartz

Isabel Pallas

What.
Would.
It.
Look.
Like

Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland gelten als übergewichtig. Dies macht den Großteil der deutschen Bevölkerung aus. Wieso sind diese Menschen dann noch durchgehend mit Diskriminierung, Geringschätzung und Bodyshaming konfrontiert?

Welche Rolle spielt die Bekleidungsindustrie dabei und wieso hat die Mode den großen Markt der Übergrößen noch nicht für sich entdeckt? Durch das aktuelle Marketing der Beklei­dungsindustrie werden Bodyshaming und auch Essstörungen, besonders bei Jugendlichen, gefördert. Ändern wir diese Sehgewohnheiten und wird ein diverses Bild von Körperfor­men propagiert, können wir diesem entgegenwirken.

Im Rahmen der Masterarbeit von Isabel Pallas entstan­den Arbeiten, die sich damit beschäftigten, die Sehgewohn­heiten in der High End Fashion zu verändern und zu verdeut­lichen, dass jeder Körper ein schöner Körper und es wert ist, auch schön eingekleidet zu werden.

Isabel Pallas: What.Would.It.Look.Like — M.A. Mode — isabel.pallas@gmx.de
Fotografen: Finn Brücher, Malte Oing — Models: Aimilia Theofilopoulos, Stefanie Holzmann
VI: Content Fatigue

Einige Texturen einer grassierenden Erschöpfung

› Content Fatigue ‹

Ein essayistischer Beitrag von
Prof. Dr. Rafael Dernbach

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Es geht eine neue Erschöpfung um. Sie kommt in blaues Licht gehüllt, steigt auf aus Glas, aus unseren Händen, aus bewegten Bildern, als rastlose Trance: sprechende Köpfe, tanzende Körper, schnelle Schnitte, verstärkt durch catchy Tunes. All das als unendlicher Scroll. Ein Nebel aus dumpfer Erwartung, die sich nie ganz erfüllt. Die Bilder sind kontextlos, entleert, lediglich Affekt-Attrappen, die ein Gefühl anstoßen, das immer schon verflogen ist, bevor es sich einstellen kann. Einstellungen überhaupt, unmöglich, in dieser Situation. Von oben betrachtet zeigt sich eine milliardenfache tägliche Szene: in Betten, in Cafés, in Pausen, im Transit: müde, geöffnete Augen, gekrümmte Körper, eingesunken, die Schultern schlaff, die Nacken angespannt, betäubte, wirkungslose, vereinzelte Menschen. In der Trance dehnt sich Zeit, schrumpft, verschwindet. Irgendwann dann kommt er doch immer wieder, der Moment, in dem die Trance aufbricht. Und sie legt einen schwarzen Spiegel frei: darin das eigene erschöpfte Gesicht. Und noch tiefer drinnen die Gewissheit, dass nichts von dem eben Gesehenen erinnert werden wird.

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So lässt sich die neue Erschöpfung darstellen. Sie hat viele Namen: Content Fatigue, Social Media Fatigue, Digital Fatigue, News Fatigue, Brain Rot, Information Overload. All diesen Begriffen gemein ist ein Unbehagen im Umgang mit digitalen Plattformen. Sachte und unerbittlich leiten Interfaces, Algorithmen und deren Inhalte die Aufmerksamkeit von Peak zu Peak. Sie halten alle so Verbundenen in konstanter Erwartung. Der Mechanismus: dopamin-basierte, medial erzeugte Antizipation. Es ist ein Prozess, der seine Gründe verbirgt. Was wird hier hell, bewegt und sleek verborgen? Zuerst natürlich die erzeugte Erschöpfung. Und darunter? Die ökonomische Grundoperation: die Extraktion von kognitivem Wert aus menschlichen Körpern. Die Verwandlung von Aufmerksamkeit in Assets.

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Von der neuen Erschöpfung können auch Zahlen zeugen. Zwischen 2010 und 2019 haben sich Depressionen und Angststörungen bei Jugendlichen in den USA verdoppelt.1 Haidt, Jonathan. (2024). The Anxious Generation: How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. Allen Lane. Auch in Deutschland sind die diagnostizierten Depressionen unter Jugendlichen von 2018 bis 2024 um 28% angestiegen.2 https://www.aerzteblatt.de/news/depressionen-nehmen-unter-jungen-menschen-zu-2bb03412-8b55-4835-bb7c-d41b0b3169f1 Eine Theorie zu dieser sprunghaften Vermehrung stammt von dem Psychologen Jonathan Haidt.3 Haidt, Jonathan. (2024). The Anxious Generation: How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. Allen Lane. Die Menschen hinter diesen Zahlen seien die erste Generation, die mit digitalen Plattformen aufgewachsen ist. Haidt sieht vor allem die breite Nutzung von Social Media als Grund für Angstzustände, Depressionen, Selbstverletzungen und Selbstmorde. Plattformen binden Aufmerksamkeit um jeden Preis, selbst entgegen der Interessen von Nutzer:innen. Nicht jeder und jede, die Social Media nutzt, wird krank, doch die Erkrankten werden immer mehr.

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Die neue Erschöpfung hat viele Texturen. Bleiben wir hier bei ihrer oberflächlichsten: dem Content. Wer heute schreibt, filmt oder gestaltet, produziert nicht mehr Texte, Filme oder Bilder, sondern Content. Ursprünglich bedeutet Content schlicht »Inhalt«. Er suggeriert eine Trennung zwischen Medium und Botschaft: hier die Form, dort der Inhalt. Doch medientheoretisch betrachtet war diese Trennung nie eindeutig. Denn Medien sind keine neutralen Kanäle. Sie formen, was als Inhalt wahrgenommen wird, indem sie die Logik von Produktion, Distribution und Rezeption bestimmen. Was für Inhalt noch verdeckt galt, gilt für Content immer offensichtlicher: das Wahrnehmbare ist untrennbar von seinen technischen, ästhetischen und ökonomischen Bedingungen. Ein Bild durchdringt den Begriff Content heute: Content als endloser gleichförmiger Strom, stets hungrig nach Aufmerksamkeit, algorithmisch geleitet und marktkonform mitreißend optimiert. Und auch die Erschöpfung, die Content Fatigue, ist so nie nur individuelle Erfahrung, sondern immer auch der ertragene Stillstand, der diesen Strom in Bewegung hält.

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Tatsächlich nutzen die wenigsten Menschen, die ich kenne, Content wirklich, um sich zu informieren oder zu unterhalten. Vielmehr beobachte ich Selbstregulierung, Ablenkung, sich selbst für einen Moment aus der Welt zu nehmen oder sich individualisiert verlieren. Doch was kam zuerst? Der endlose Bilderstrom oder die Clubs, die überall schließen? Die Flucht ins Dopamin oder die dystopischen Zukunftsängste? Die vereinzelnden Imperative (just do it, lean in, empower yourself) oder die vereinzelnden Medien? Ein schönes, altmodisches Wort heißt Verblendungszusammenhang. Hat jede Zeit die Medien, die sie verdient?

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Schon im Jahr 2005, also lange vor dem Siegeszug digitaler Plattformen, hat der Philosoph Noam Chomsky in einem Interview zu Reality TV auf eine interessante Vertauschung beim Begriff Content hingewiesen.4 »Take say television. In the industry when they have an hour of program, whatever it is, a comedy, a cop show, or whatever. In the industry there’s what’s called content and fill. The content is the advertising. The fill is the car chase or the sex scene or something, that’s supposed to keep you going between ads. And if you look at a television program, actually I do it some times because I’m intrigued, the creativity and the imagination and the expenses and so on are for the ads; the car chase you can pull off the shelf. And in fact this has led to a serious deterioration of the political system.« Noam Chomsky, On Fake News and Other Societal Woes, 2005, https://chomsky.info/20051207/ Betrachte man allein die Budgets im Fernsehen, dann sei der eigentliche Content die Werbung. Denn Geld und Kreativität für Werbespots überträfen die Kosten für Filme, Serien und Shows bei weitem. Alles außer der Werbung sei nichts weiter als Füllung (Fill), um die Aufmerksamkeit zu halten. Ist vielleicht das Reality TV ein Vorbild für diese Textur der neuen Erschöpfung? Es scheint, als ob dieselbe Logik die digitalen Plattformen durchzieht: algorithmisch optimierte Inhalte, maßgeschneidert für maximale Aufmerksamkeit – zugleich erschöpfend in ihrer medialen Gleichförmigkeit. Anders gesagt: Content füllt uns, erfüllt uns aber nicht.

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Giona Nazzaro, der künstlerische Leiter des Locarno Film Festivals, hat es 2023 drastisch formuliert: »Content is a deadly notion.«5 »Films are not merely content. Content is a deadly notion. And that‘s very dangerous when we reduce films as content. Because content eliminates the idea that there might be a conversation about it.« Giona Nazzaro, 2023 https://www.youtube.com/watch?v=XO5wwNX2ZDQ&t=615 Eine tödliche Idee. Sie nimmt Filmen, Texten und Bildern ihr Recht auf Widerständigkeit. Sie mache aus Kunst bloße Ware, austauschbar, flach, ohne die Möglichkeit zur Begegnung. Was zu Content gemacht wird, ist zum Schweigen gebracht, enteignet, bereit zum Scrollen und zum Vergessen. Er ist das, was übrigbleibt, wenn nichts mehr gesagt werden kann, aber dennoch gesprochen wird. »Content eliminates the idea that there might be a conversation about it«, so Nazzaro. Das ist die eigentliche Gefahr: dass Content Gespräche ersetzt, anstatt sie zu ermöglichen. Dass er Begegnungen suggeriert, wo er sie verhindert. Die Essayistin Sarah Stein Lubrano6 Stein Lubrano, Sarah. 2025. A Brief Theory of What‘s Wrong with Being a Fuckboy. https://sarahsteinlubrano.substack.com/p/a-brief-theory-of-whats-wrong-with hat kürzlich genau darauf hingewiesen, dass Content zunehmend eine pornografische Struktur aufweist. Statt Erfahrungen oder soziale Beziehungen zu inspirieren, ersetzt Content diese. Er simuliert Intimität, erzeugt Nähe ohne Bindung. Auf Social Media wird allein konsumiert, in isolierten Momenten zwischen anderen Tätigkeiten, als Ersatz für tatsächliche Begegnung. Wenn es bei Content also immer weniger um Inhalte – sondern immer mehr um Affektregulation geht, was bedeutet das für Gestaltung?

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Auch dieser Text begegnet ihnen als Content. Vielleicht wird Ihnen diese Tatsache jetzt bewusst, da ich es erwähne. Das ist das Bemerkenswerte an einer Aussage wie: »Auch dieser Text begegnet Ihnen als Content.« Sie thematisiert ihre eigene mediale Situation. Vielleicht bemerken Sie ebenso, dass ich Sie als Lesende in diesem Text ganz förmlich mit »Sie« anspreche. Vielleicht finden Sie das ungewöhnlich. Das »Sie« ist altmodisch, sperrig, kühl, auch höflich, aber in jedem Fall um Distanz bemüht. Das »Sie« strahlt das Gegenteil von dem aus, was Content heute sein will: neu, schnell, emotional, konsumierbar, nah. Vielleicht ist Distanz eine Möglichkeit, der neuen Erschöpfung zu begegnen.

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Im besten Fall könnten Sie und ich aufhören, Content als neutralen Begriff zu akzeptieren. Vielmehr könnten Sie und ich ihn als das begreifen, was er ist: eine Form aufmerksamkeitsökonomischer Enteignung. Einem Text seinen Status als Content zu verweigern, heißt, ihn als eine Begegnung zu denken. Eine Begegnung, die nicht performt, nicht skaliert, sondern existiert. Das ist nicht weniger als ein radikaler Akt der Wiederaneignung. Vielleicht kann mit so einer Wiederaneignung eine Besinnung beginnen: auf soziale Energie7, Rosa, Hartmut. 2023. Brauchen wir ein Konzept sozialer Energie? https://www.youtube.com/watch?v=bqgGRpP_n-k auf unstrukturierte Zeit8, Crary, Jonathan. 2013. 24/7: Late Capitalism and the Ends of Sleep. auf Medien, die mehr sind als nur algorithmisch kuratierte Affektmaschinen9 Citton, Yves. 2016. The Ecology of Attention. und Simulation von sozialer Nähe. Denn Gestalten kann so viel anderes ermöglichen als die neue Erschöpfung. Sie kann auch Folgendes ermöglichen: das Schlafen, das Erinnerung, das Abhängen, die unwahrscheinlichen Begegnungen, die Suche und das Zulassen von Distanzen und Unverfügbarkeiten. Es gibt viele Gegengifte zur Content Fatigue.

VII: Abstract Matters
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Creative Coding als Schule des Denkens

Tim Rodenbröker

Der technologische Fortschritt führt kontinuierlich zu grund­legenden Umwälzungen. Es ist höchste Zeit, dass wir uns als Gestalter:innen mutig und kritisch mit den Technologien beschäftigen, die unseren Alltag prägen. Dies erfordert, dass wir uns konsequent auf die verborgenen Strukturen einlassen, die sich hinter den sichtbaren Oberflächen verstecken. Die Methode, mit der das möglich wird, heisst Creative Coding.

Unsere Welt verändert sich
in einem
atemberaubenden Tempo.

Tim Rodenbroeker: Creative Coding als Schule des Denkens
M.A. Digital Media and Experiment — timrodenbroeker.de

Fabia Meyer

Anziehsache

Ausgehend von der These, dass Digitalität Bild und Information zum wichtigsten Maßstab macht und von der physischen Umwelt und vom Körper entfremdet, stellte sich für mich die Frage, inwiefern unser Erleben von Kleidung beeinflusst wird, wenn sie zweidimensional in Form von Abbildungen erfahren und wahrgenommen wird.

Wie und wodurch wird die Bedeutung von Kleidung her­gestellt? Welche vestimentären Elemente sind für die Lesbarkeit eines Kleidungsstücks wichtig und wie stark können diese verzerrt oder verfremdet werden?

Es sind Kleidungsstücke entstanden, die aus der Fläche heraus durch eine selbstentwickelte Drapiertechnik den Zustand eines dreidimensionalen Kleidungsstücks einnehmen können. Dieser Zustand ist nicht permanent und kann wieder aufgelöst werden. Durch händisches Ein­greifen erfolgt eine haptische Auseinandersetzung mit dem textilen Material.

Fabia Meyer: Anziehsache — M.A. Mode — fabia_meyer@web.de
Fotos: Jan Haller — Editorial Model: Felicia Schomberg — Lookbook Models: Sanna Carl, Paul Düstersiek

Via

Karsten Kronas

Im Entstehungsmoment einer jeden Fotografie beginnt unmittelbar ein Prozess der Entfremdung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Zeit gehört zu einem unlösbaren Bestandteil des Mediums Fotografie.

Durch eine bestimmte Belichtungszeit und Entwicklungsdauer werden fotomechanische und -chemische Prozesse ausgelöst, die sich kontinuier­lich auf sich selbst beziehen und ihre eigene Biografie schreiben. Ent­lang der Anatomie des Materials beginnt in meinen Arbeiten die Zeit zu einer sichtbaren Größe zu werden.

Die Plastizität als etwas Objekthaftes, etwas Vergängliches mit einem Kör­per zu betrachten, die Fotografie aus ihrer Entmaterialisierung zu lösen, bietet die Möglichkeit, hinter das Material zu gelangen, um dort die Foto­grafie einen kurzen Moment von der Vergangenheit lösen zu können.

Karsten Kronas: Via — M.A. Fotografie und Bildmedien — karstenkronas.com

walkingwhiledrawing

walkingwhiledrawing

Janice Jensen

walkingwhiledrawing dokumentiert zeichnerisch die visuelle Wahrnehmung von Umgebung während des Gehens und überführt sie in virtuelle Landschaften.

Das Projekt erforscht subjektive Sehgewohnheiten und konzentriert sich auf den flüchtigen Moment des Weiter­gehens, die Unvollständigkeit und Bewegung von dem, was wahrgenommen wird. Mit Hilfe einer Drawing Machine, die durch einen Rollmechanismus das Zeichnen auf langen Papierrollen während des Gehens ermöglicht, wird die Umgebung analog gezeichnet und dann malerisch in VR als 3D-Objekte in VR-Landschaften übersetzt.

Mehrere Zeichenspaziergänge untersuchen ver­schiedene Merkmale eines Ortes und werden in einer Landschaft kombiniert, die sich aus den analogen Zeich­nungen und GPS-Spuren der einzelnen Strecken zusammen­setzt. Diese kann dann im originalen Größenverhältnis in einer VR-Brille erkundet werden. Die hier gezeigte Arbeit Parnidis Dune ist in den Wanderdünen der litauischen Küste entstanden und ergibt sich aus neuen Spaziergängen, die außerdem in der VR-Landschaft rekonstruiert und als Filme projiziert werden.

Structures sand → charcoal
March 3rd 2022, 13:47 h
0:04 h → 96.7 m

outside, right way around → pencil
March 7th 2022, 12:45 h
0:05 h → 189 m

inside in a circle → pencil
March 7th 2022, 13:12 h
0:04 h → 127 m

Janice Jensen: walkingwhiledrawing — M.A. Digital Media and Experiment — janice-jensen.de

Raphael Helmut Schmitt

Myself And Other Fragments

In meiner Serie Myself And Other Fragments, erforsche ich das Menschsein, dringe ein in meine Gefühlswelt, die mich existenziell zum Menschen macht.

In Raum und Natur konfrontiert sich mein Selbst mit sich, dem Sein und seiner Form, die manchmal fließend wie warmer Honig erscheint und manchmal zusammengepresst wie hartes Holz. Während meine Träume, Fantasien und Verrücktheiten zum Überlaufen drohen, bildet die Fotogra­fie einen Anker für mich, der aber im neu erschaffenen Universum seinen bisherigen Kodex verändert und nach neuen Spielregeln spielt.

Mit fokussiertem Blick nähere ich mich den Lügen, die ich zu meiner Illusion mache, und den Wahrheiten, auf die ich nicht verzichten möchte. Am Ende geht es um Irrwege, auf denen man sich schnell verläuft. Um Träume und Erinnerungen, die einem hinterherjagen. Um die pure nackte Existenz, die schön und schauderhaft zugleich sein kann. Letztlich bildet die Serie Fragmente meiner Selbst und des menschlichen Seins ab, hinter­lässt Spuren meiner daher irrenden Sinne und einen fragmentalen Ab­druck meines Bewusstseins, der sich in der Serie mehr als einmal in wildes Rauschen aufzulösen droht.

Raphael Helmut Schmitt: myself and other fragments — B.A. Fotografie und Bildmedien — raphaelhelmut.com

Deus Exec
Machina

Samuel Cerqueira
da Rocha

Der technologische Fortschritt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten exponentiell entwickelt. Wenn es um Künstliche Intelli­genz (kurz KI) geht, so stellen wir uns hauptsächlich fiktive Werke aus der Pop­kultur vor und nehmen das Thema nicht als potenzielle Gefahr wahr.

Kluge Köpfe wie Nick Bostrom oder Ray Kurzweil warnen allerdings dringend davor, die Entwicklung von KI zu un­terschätzen. Eine Intelligenz, die uns blitzschnell überholen könnte, ist nicht mehr zu kontrollieren und nicht zu ver­stehen. Es gibt auch keine Garantie, dass eine solche KI unsere Motivationen und Werte teilt. Das muss nicht zwangs­läufig eine Gefahr darstellen, doch mit den falschen Motivationen der Entwickler könnten wir die Büchse der Pandora öffnen.

Samuel Cerqueira da Rocha: deus exec mAchIna — M.A. Kommunikationsdesign — sdr@blitzgarten.com
Herausgegeben
vom

Institut für Buchgestaltung

Dirk Fütterer [Hrsg.]
Hochschule Bielefeld, Lampingstraße 3, 33615 Bielefeld

  • Redaktion & Layout Johannes Nathow Nina Michler

    Art Direktion Nathow & Geppert

    Programmierung Malte Michels

    Lektorat Andreas Beaugrand

    Beratung Dirk Fütterer

    Redaktionelle Mitarbeit Aliya Amangeldi
    Marius Gieske
    Laura Kolik
    Juyeon Ko
    Lars Vieth
    Samuel Wiebe

    Textbeiträge Claudia Rohrmoser
    (interviewt von Samuel Wiebe, mit einem Porträt von Jonas Glanz)
    Nina Michler
    Rafael Dernbach

  • Mitwirkende

    Julia Autz Darius Bange Madlin Bentlage Paul Düstersiek Sandra Eden Sarah Fyrguth Daniel Götz Roman Girsikorn Fritz Grögel Ronja Hempel

    Hanno Hlacer Mirko Israel Janice Jensen Kaan Kanbur Lovis Knechtel Karsten Kronas Alina Lutz

    Kati Lübeck Sonja Mense Fabia Meyer Isabel Pallas Patrick Pollmeier Karina Reich Katrin Ribbe

    Samuel Cerqueira da Rocha Tim Rodenbröcker Raphael Helmut Schmitt Maik Symann Luisa Summe Tilman Kunkel Paulina Zoe Tillmann Sihyun Woo Anke Warlies

  • Das unendliche Magazin Juyeon Ko Lars Vieth

  • Schrift Times New Arial,

    freundlicherweise zur Verfügung gestellt
    von Liebermann Kiepe Reddemann
    liebermannkiepereddemann.de

Wie alles begann . . . . . . . . . Diese erste digitale Ausgabe des GUM-Magazins ist das Ergebnis zweier Seminare am Fachbereich Gestaltung unter der Leitung von Johannes Nathow. Im Sommersemester 2023 beschäftigten sich die Studierenden mit den Besonderheiten digitaler Publikationen. Dabei wurden die Unterschiede zu analogen Formaten, veränderte Lesegewohnheiten im digitalen Raum sowie die Vor- teile eines digitalen Magazins erforscht. Anschließend wurden in kleinen Gruppen Strukturkonzep- te und Prototypen der digitalen Gum entwickelt. Das Konzept des unendlichen Magazins, ein langgezogenes Magazin, in dem auf analog anmutenden Seiten nahezu unendlich gescrollt werden kann, überzeugte und wurde im Wintersemester 2023/2024 in die Tat umgesetzt. Ein engagiertes Team kuratierte die besten studentischen Projekte des Fachbereichs aus den letzten fünf Jahren und begann mit der Gestaltung dieser Ausgabe.